Selbstwirksamkeitserwartung

Selbstwirksamkeitserwartung ist die subjektive Überzeugung, neue oder schwierige Anforderungssituationen aufgrund eigener Kompetenzen bewältigen zu können. Das Konzept beruht auf einer Theorie von Albert Bandura (1986).

Die Bedeutung der Selbstwirksamkeit

Selbstwirksamkeitserwartung beeinflusst menschliches Denken, Fühlen und Handeln. Sie wird benötigt für Aufgaben, deren Schwierigkeitsgrad Anstrengung und Ausdauer erfordern. Menschen mit hoher Selbstwirksamkeitserwartung sind überzeugt, ihre Umwelt aufgrund ihrer Kompetenzen beeinflussen zu können. Sie gehen schwierige Aufgaben eher an und verfolgen sie mit mehr Ausdauer als Menschen mit einer geringeren Selbstwirksamkeitserwartung.

Auswirkung der Selbstwirksamkeit auf Denken, Fühlen und Handeln

Selbstwirksamkeit (engl. self-efficacy) bezeichnet in der Psychologie die Fähigkeit, aufgrund eigener Kompetenzen Handlungen ausführen zu können, die zu den gewünschten Zielen führen (Bandura, 1994). Selbstwirksamkeitserwartung (engl. perceived self-efficacy) ist die von Mensch zu Mensch unterschiedlich ausgebildete Überzeugung, in einer bestimmten Situation die angemessene Leistung erbringen zu können (Zimbardo & Gerrig, 1999, S. 543). Noch konkreter formulieren es Schwarzer & Jerusalem (2002, S. 35), die die Selbstwirksamkeitserwartung als die subjektive Gewissheit bezeichnen, neue oder schwierige Anforderungen, welche Anstrengung und Ausdauer erfordern, mit Hilfe der eigene Kompetenz bewältigen zu können.

Untersuchungen zeigen, dass Menschen mit einem starken Glauben an die eigene Kompetenz und Effizienz größere Ausdauer bei der Bewältigung von Aufgaben, eine niedrigere Anfälligkeit für Angststörungen und Depressionen und mehr Erfolge im Berufsleben aufweisen (Nerdinger, 1995, S. 115). Die Selbstwirksamkeit bezeichnet Nerdinger (2013, S. 71) auch als aufgabenspezifisches Selbstvertrauen. Das Konzept der Selbstwirksamkeit ist umfassender als die Handlungs-Ergebnis-Erwartung (siehe Kapitel 4.2.). Es umfasst alle psychologischen Faktoren, die zu einem effektiven Leistungshandeln benötigt werden, wie z.B. wahrgenommene Fähigkeit, die Fähigkeit komplexe Handlungssequenzen ausführen zu können, Anpassungsfähigkeit oder Kreativität (Nerdinger, 2013, S. 71).

Unterschiede in der Selbstwirksamkeit

Nach Bandura hat die Beurteilung der Selbstwirksamkeit einen Einfluss darauf, welche Tätigkeiten der Mensch ausführt, wie viel er investiert und wie lange er an einer Aufgabe festhält. Menschen mit einer hohen Selbstwirksamkeitserwartung sehen anstehende Aufgaben als eine Herausforderung an, anstatt diese zu meiden. Diese Haltung fördert im Wesentlichen das Interesse an Aufgaben und Aktivitäten. Solche Menschen setzen sich anspruchsvolle Ziele und verfolgen diese mit großem Einsatz. Misserfolge werden gut ertragen und verarbeitet. Sie führen ihre Misserfolge auf mangelhafte Leistung oder unzulängliches Wissen zurück. Große Herausforderungen werden zuversichtlich angegangen, da erwartet wird, diese auch kontrollieren zu können. Genau diese Einstellung steigert die persönliche Leistung und reduziert Stress (Bandura, 1994).

Wohingegen Menschen, die Ihren Kompetenzen misstrauen, vor schwierigen Aufgaben zurückschrecken, weil sie diese als persönliche Bedrohung empfinden. Diese Menschen haben eine geringe Selbstwirksamkeitserwartung und daher einen geringen Anspruch an ihre Ziele und verfolgen diese außerdem mit geringem Einsatz. Wenn solche Menschen mit schwierigen Aufgaben konfrontiert werden, richten sie Ihren Focus auf die eigenen Defizite und auf die zu erwartenden Hürden, anstatt sich auf die Bewältigung der Aufgabe zu konzentrieren. Sie geben auf, sobald Schwierigkeiten auftreten, und finden nach Misserfolgen nur schwer den Glauben an ihre eigene Selbstwirksamkeit wieder (Bandura, 1994).

Herausforderungen annehmen oder meiden

Diese Art der Überzeugung entscheidet darüber, ob ein für die Zielerreichung erforderliches Verhalten begonnen und auch bei Hürden und Widerständen beibehalten wird. Eine bedeutende Differenzierung nimmt Bandura hier zwischen der Leistungseffizienzerwartung bzw. Wirksamkeitserwartung und der Ergebniserwartung vor (siehe Abbildung 8) (Bandura, 1979, S. 86).

Genau hier zeigen sich die Unterschiede zwischen den Personen. Trotz starker Handlungs-Ergebnis-Erwartung kann es zu einem Motivationsdefizit kommen, wenn es an Selbstwirksamkeit mangelt. Eine niedrige Selbstwirksamkeit kann aus fehlendem Wissen, Fertigkeiten und Expertise herrühren. Es können aber auch Ängste und Selbstzweifel die Ursache sein (Rothermund & Eder, 2011, S. 85).

Selbstwirksamkeit stärken

Selbstwirksamkeit wird nach Bandura (Bandura, 1994) durch vier Quellen gestärkt: die direkte Erfolgserfahrung (mastery experience), stellvertretende Erfahrungen (vicarious experience), mündliche bzw. fremdvermittelte Überzeugung (verbal persuasion) und physiologische und affektive Zustände (physiological and affektive states).

Die direkte Erfolgserfahrung bedeutet, dass Erfolge den Grundstein für die eigene Selbstwirksamkeitserwartung legen, da sie den festen Glauben an die eigene Selbstwirksamkeit bilden. Die Erfahrung eines Menschen, Hindernisse durch Bemühung und Durchhaltevermögen zu überwinden, fördert einen konstanten Glauben an die eigene Selbstwirksamkeit. So sind Rückschläge und Niederlagen notwendig, damit der Mensch lernt, dass er nur durch eigene kontinuierliche Bemühungen erfolgreich sein wird. Hat sich das Gefühl der Selbstwirksamkeit erst einmal gefestigt, wird es auch durch Misserfolge nicht sofort erschüttert. Misserfolge erschüttern diesen Glauben aber dann, wenn sie geschehen, bevor sich das Gefühl für die eigene Wirksamkeit stabilisieren konnte (Bandura, 1994).

Wahrnehmung und Interpretation

Stellvertretende Erfahrungen beeinflussen ebenfalls die Selbstwahrnehmung des Menschen. Wenn Menschen andere Personen beobachten, die ihnen ähnlich sind und diese bei einer Sache Erfolg haben, wird dieser Mensch es für wahrscheinlich halten, dass er diese Aufgabe ebenfalls lösen kann. Auf der anderen Seite kann ein Misserfolg der beobachteten Person auch dazu führen, dass der Beobachter an den eigenen Fähigkeiten zum Erfolg zweifelt. Je ähnlicher der Beobachter dem Modell ist, desto stärker ist sein Einfluss auf ihn (Bandura, 1994).

Fremdvermittelte Überzeugung kann die Einschätzung des eigenen Leistungsvermögens beeinflussen. Menschen, die von ihrem Umfeld unterstützt werden, indem man ihnen zu verstehen gibt, dass man an Ihre Fähigkeiten und Kompetenzen bezogen auf die zu bewältigende Aufgabe glaubt, strengen sich mehr an diese Aufgabe auch zu erfüllen. Wird jedoch an ihrem Können gezweifelt, so sind sie in Bezug auf ihre Fähigkeiten und Kompetenzen ebenfalls unsicher. Auch unrealistische Erwartungen können die Selbstwirksamkeitswahrnehmung eines Menschen beeinträchtigen, wenn dieser nicht in der Lage ist, die Aufgabe zu erfüllen oder das Ziel zu erreichen (Bandura, 1994).

Bedeutung für persönliche Leistung und Stressreduktion

Physische Reaktionen werden oft als Grundlage zur Bewertung von Selbstwirksamkeit herangezogen. Die Wahrnehmung über die eigenen emotionalen und physiologischen Zustände führt damit zur Selbstwirksamkeitseinschätzung. Dabei kommt es nicht auf die tatsächliche Intensität dieser Reaktionen an, sondern auf die eigene Wahrnehmung und Interpretation. Lampenfieber kann von einer Person mit hoher Selbstwirksamkeitsüberzeugung als positives Zeichen gewertet werden und sie anspornen eine gute Leistung zu bringen und von einer Person mit niedriger Selbstwirksamkeitsüberzeugung als Schwäche interpretiert werden, so dass Selbstzweifel aufkommen (Bandura, 1994).

Quelle:
Grünberg, B. (2014). Berufliche Selbstständigkeit und Selbstwirksamkeitserwartung von Frauen: Warum und unter welchen Bedingungen machen Frauen sich selbstständig?. Diplomica Verlag.